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Feb 27, 2018 - Leseförderung, Medien    No Comments

Wo sind die lesbischen Trolle?

Auch in der Literatur suchen Jugendliche ihre eigene Lebenswelt. Das wird derzeit bei jedem unserer Jugendjurytreffen (www.julid-online.de) deutlich. Egal, ob ein Roman in der realen Welt oder einem fantastischen Genre angesiedelt ist, die Hauptpersonen sollen bitte nicht mehr so „Mary-Sue“ sein. Homosexualität, ein nicht aalglatter Charakter oder anderes, was eben nicht Mainstream ist, werden begrüßt. Mittlerweile misst meine Jugendjury fast jedes Buch an der Charakterzeichnung und daran, ob diese in ihre eigene vielseitige Welt passt, in der es eben völlig normal ist, heute einen Freund und morgen auch mal eine Freundin zu haben. Diese Offenheit ist sehr begrüßenswert und dass die Jugendlichen diese auch in Romanen einfordern, finde ich klasse.

Ich selbst wollte als Kind einen Helden oder eine Heldin im Buch haben, die wirklich perfekt war und so, wie ich gern sein wollte. Das ist heute nicht mehr unbedingt das Kriterium für junge Leser. Und das ist gut so. Es zeugt von mehr Selbstbewusstsein einer Generation, dass jeder so, wie er ist, absolut einmalig und super ist. Natürlich kann man Vorbilder haben, um sich zu orientieren (Grüße hier an @HannesJaenicke und sein Buch „Wer der Herde folgt, sieht nur Ärsche“), aber selber der Held im eigenen Leben sein und das ganz bewusst und vor allem selbstbewusst – das ist doch mal was!

Hoch mit dem Leseknick!

Die Leseforschung kennt 2 Leseknicks: der erste kommt oft in der Grundschule, wenn Kinder merken, dass Lesen erst mal anstrengend ist. Dann flutscht es (hoffentlich) und die Kinder werden Leseratten und brauchen viel Lesefutter. Spaß am Lesen steht im Vordergrund! Wer diese Phase nicht erlebt, wird selten im erwachsenen Alter zum Leser. Diese Hochphase bricht oftmals in Klassenstufe 5-6 ein, weil dann die Pubertät beginnt und einfach andere Dinge im Fokus stehen. Lesen ist jetzt eher uncool und im Freundeskreis traut man sich nicht mehr zuzugeben, falls man Bücher immernoch liebt.

Und nach der stressigen Schulphase, oft in der Oberstufe oder auch Ende der Mittelstufe, steigt die Leselust wieder an – vorausgesetzt, man hatte eine Vielleserphase Mitte/Ende der Grundschulzeit. Das Wieder-Liebhaben-von-Büchern setzte bei mir persönlich eher spät ein, da war ich bereits im Studium, aber immerhin. Dort war es quasi Gruppenzwang, zu lesen 😉

Nun war gestern Abiturient an meiner Theke, der gerade diese Hochphase hat und jetzt so langsam wirklich Qualität von Literatur für sich entdeckt. Die großen Namen wolle er nun alle lesen, wenn möglich, in Originalsprache. Und dann kam da dieses leicht verächtliche Herabschauen, weil ich mit den Kids über Greg, Minecraft und DORK-Diaries fachsimpele. Denn ER habe jetzt natürlich den Olymp erklommen und liest nicht mehr solche pillepalle-Romane. Gesagt wurde das natürlich nicht, aber im Gespräch schwang mit, dass die Bücherei zu wenig Qualitatives biete.

Diesen Spagat hinzubekommen, ist nicht immer leicht, aber wir versuchen, Klassiker von Orwell & Co unter die modernen Medien zu mischen und so für viele Geschmäcker etwas zu bieten.

(Der Kunde hatte im übrigen vor einigen Jahren selbst die Vielleser-Phase und hatte damals genau dieses niederschwellige, einfach Spaß machende Leseangebot angenommen, das ihn nun zurück zur Literatur zurück geführt hat. Die letzten seiner 3 Kundenwünsche wurden von uns im Übrigen natürlich erfüllt.)

Feb 7, 2017 - Leseförderung    No Comments

Klappern, klappern, klappern

…oder PR, wie man es heute nennt – super wichtig, vor allem für kleine Bibliotheken! Ihr macht tolle Sachen, zeigt es auch! Viele Schulbibliotheken und kleine Stadtbüchereien sind schüchtern, wenn es um die Bewerbung für Preise geht, um Marketing oder Aktionen, die Geld eintreiben sollen. Warum eigentlich? Lesenächte sind eben nicht selbstverständlich, eigene kleine Aktionen mit Maskottchen oder Rätseln für die Kunden sind toll, das darf man sagen! Natürlich fehlt oft die Zeit, eine Bewerbung zu schreiben oder auch das Know-How. Die Erfahrung zeigt aber: die Fachjurys in Leseförderpreisen o.ä. wissen sehr wohl um diese Umstände und sehen eher die Qualität der Inhalte, die da beworben werden. Dabei bin ich persönlich nicht immer automatisch für „hauptsache neu und innovativ“, denn Kontinuität ist für Kinder und Jugendliche wichtig. Manchmal sind es auch die kleinen Ideen, die große Wellen schlagen können.12961753_1066901703382591_7923160400844061189_n

Beispiel Lesebazillus

Ursprünglich stammt der Name aus der Schweiz. Die lieben Kollegen haben ihn freigegeben und wir haben etwas eigenes daraus gemacht und ihn optisch und in

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haltlich stark verändert. Seit 2008 führen wir mit den Kindern des Jahrgangs 5 (etwa 150 Kids) regelmäßig diese Lesebazillus-Aktion durch. In einem Brief begrüßt der Bazillus das Kind direkt und stellt sich vor. Er will gefunden werden, doch er ist so klein, dass keiner ihn sehen kann. In wirklich tollen Büchern lebt er und jeder kann ihn erspüren. Wenn das Buch dich nicht loslässt – ist sicher ein Lesebazillus darin! Die „untersuchten“ Bücher stammen natürlich aus der Bibliothek. Zwar darf jedes Kind auch eigene Bücher für diese Aktion lesen, dann aber gibt es keinen Lesebazillus-Button, den die anderen bei der Ausleihe erhalten 😉 Die Lehrer führen die Aktion im Unterricht in den Wochen vor den Sommerferien durch und bekommen sämtliche Materialien von der Bücherei. Die Kids lesen, bewerten und diskutieren darüber – dann basteln sie zu ihren liebsten Büchern Plakate, Zeitungen, Kartons und kleine Bazillus-Bommeln.

fullsizerenderEinfaches Prinzip, aber charmant verpackt. Die Kinder lieben ihren Lesebazillus und freuen sich, wenn sie ihn bei Büchereinächten in den Regalen suchen (dann als Bild aufgeklebt) oder wenn sie ihr Plakat im Sommer in der örtlichen Buchhandlung entdecken.

Diese Aktion brachte uns mit weiteren Lesefördermaßnahmen bereits zweimal den Hessischen Leseförderpreis ein. Eine Hamburger Bücherhalle hatte den kleinen Kerl vor Jahren auch für ihre Bibliothek übernommen. Verbreitet den Lesebazillus oder traut euch, kleine „einfache“ Ideen mal ganz anders zu präsentieren.

Weitere Informationen zum Lesebazillus hier.

Jan 27, 2017 - Leseförderung    No Comments

Die stempelnde Bibliothekarin ist zurück!

Ich habe eine Tasse, so eine mit meinem Berufsbild drauf. Die, die man geschenkt bekommt, weil der andere zufällig weiß, dass man Bibliothekarin ist. Ich besitze auch ein unfassbar hässliches Bibliothekar-Räuchermännchen, aber das nur am Rande. Auf diese Tasse ist davon die Rede, dass Bibliothekare typischerweise stempeln. Ich hab das noch nie gemacht. Was soll ich auch stempeln? Obwohl – für geprüfte Rechnungen hab ich mir mal einen Stempel angefertigt, weil es genervt hat, fast täglich „Sachlich und rechnerisch richtig“ zu schreiben. Aber sonst?

Das ändert sich jetzt! Seit einigen Monaten haben wir Sammelheftchen für unsere probeleser-aussenFünftklässler eingeführt, in dem sie Bonusstempel sammeln können für Gelesenes. Bücher, Zeitschriften, kurze Geschichten, egal – sehr niederschwellig und belohnend soll das Projekt „Probeleser“ wahrgenommen werden. Eine Schülerin hat uns ein schönes Logo gezeichnet und stellte es uns für die Gestaltung des Stempelheftchens zur Verfügung. Für 10 Stempel gibt es einen Wahnsinnspreis im Wert von etwa 50 Cent. Und es funktioniert! Und wie! Wir hatten gleich zu Schuljahresbeginn über 60 Anmeldungen. Nach 5 Monaten sind immerhin 25 aktive Probeleser noch dabei. Sogar ein Siebtklässler aus einer Hauptschulklasse sammelt mit und hat gerade sein drittes Stempelheft begonnen. Die Preise sind den Teilnehmern nicht wirklich wichtig. Vielmehr genießen die meisten das Gespräch mit mir über die Bücher. Sie sind stolz, ein ganzes Buch oder zumindest viele Artikel einer Zeitschrift gelesen zu haben! Und da ist jemand, der ihnen staunden zuhört. Nebenbei lernen die Teilnehmer mit der Zeit, Inhalte prägnant zusammenzufassen – absoluter Selbstschutz für uns! – und können auf das bereits „geschaffte“ stolz in dem Stempelheft zurückblicken.

Vielleser machen auch mit, sind aber eher die Ausnahme. Überraschenderweise schlug die Aktion vor allen bei denen an, die Bücher mögen, aber eben einfach langsam sind und denen das Lesen allgemein schwer fällt.