Archive from September, 2016
Sep 30, 2016 - Schulalltag    No Comments

Du kommst hier net raus! – Privates und Arbeit

Wie stark darf Persönliches bei der Arbeit eingreifen? Eigentlich gar nicht, das wäre am gesündesten. Wenn man aber seinen Job mit Herzblut macht und viel mit Menschen zu tun hat, lässt sich das nicht vermeiden – und das ist auch gut so. Es schafft eine freundliche Athmosphäre, Kunden fühlen sich gleich willkommen und freuen sich, wenn man sich an ihre Vorlieben erinnert und ihnen Medien empfiehlt. Der kleine Plausch an der Ausleihtheke gehört einfach dazu. Und da ich seit nun 8 Jahren an der gleichen Schule bin und unser Kollegium ziemlich groß ist, entwickeln sich auch mal Freundschaften. Das ist alles wunderbar.

Und dann gibt es da Kunden – ob groß und klein – die erzählen dir alles. Und ich meine wirklich alles – auch das, was man eigentlich nicht wissen wollte und was man normalerweise seiner Bibliothekarin, seinem Bäcker, seinem Heizungsinstallateur nicht erzählen würde. Nun ja, Kinder sind da oft recht großzügig mit privaten Erzählungen, aber auch immer mehr Erwachsene öffnen sich. Das zeugt von Vertrauen und schmeichelt mir, aber manchmal ist es eben doch zuviel.

„Wir müssen uns unbedingt mal treffen!“ – Hm, naja, ich will aber nicht. Oder wenn manche mein Büro verlassen, muss ich erst mal lüften, weil der Zigarettenduft mir meinen Kopf vernebelt. Doch wie bringt man so etwas jemandem schonend bei? Ich kann hier von meinem Büro nicht weg und höre mir so viele Wehwehchen an. An meiner Tür sollte manchmal eher ein Sprechstundenschild hängen, weil sich meine lieben Kollegen die Klinke in die Hand geben, um bei mir mal alles rauszulassen. Das ist natürlich interessant, das will ich gar nicht bestreiten 🙂 Ich bekomme auch viel mit, was grad so in der Schule los ist und kann so Projekte unterstützen, von denen ich da zum ersten Mal höre. Aber manchmal bringt mich das auch immer wieder in Zwickmühlen: schließlich reden Kollegen auch oft übereinander und ich möchte nicht fies lästern, während die betreffende Person grad zur Tür raus ist. Hmpf…

Manches erledigt sich mit neuen Stundenplänen der Kollegen von allein. Und manchmal kommt grad eine Klasse, um die ich mich kümmern muss…

Sep 27, 2016 - Medien    No Comments

Erschafft meine Traumbücher! – Weiße Flecken auf dem (Sachbuch-)Buchmarkt

Im modernen Unterricht geht es weniger frontal zu als vor vielen Jahren – so zumindest das Ziel –  (Obwohl ich letzte Woche irgendwo gelesen hab, dass der Frontalunterricht ein pädagogisches Revival bekommen soll, weil selbstständiges Arbeiten doch sehr unruhig, aufwändig und tw. weniger produktiv sein soll – aber das ist hier nicht das Thema) – Für Gruppenarbeiten ist die Schulbücherei ein idealer Platz, vorausgesetzt sie hat Platz.

Zielgruppengerechte Motivation, um Bücher auch zu nutzen

Derzeit sind bei uns einige Jahrgänge auf Klassenfahrt. Das heißt, viele Lehrer sind nicht in der Schule und haben Rechercheaufträge verteilt, die die Vertreungslehrer mit den hier gebliebenen Klassen bearbeiten. Eine unserer H9er (H=Hauptschulklasse) hat so einen Auftrag bekommen. Nett wie der Lehrer war, hat er mich vorher informiert und konnte so schon alles bereit stellen und sogar einige Tipps aufschreiben, in welchem Buch auch was genau zu finden ist. Das ist zwar viel Mühe, für eine H-Klasse mit einem trockenen Thema (EU-Komission, Europäischer Gerichtshof etc.) ist dies dennoch sehr sinnvoll, weil so der Frust, nichts zu finden, stark minimiert wird und die Schüler gleich wissen: da ist jemand, der mir hilft, wenn ich nicht klar komme.

Tolle Sachbücher gibt es – zu immer den gleichen Themen

Am liebsten wären Schülern ja allgemein viel bebilderte Bücher mit übersichtlichen Infokästen zu genau ihrem Thema – so sind sie es von Wikipedia & Co gewöhnt. Das klappt bei Rittern, Tieren und Cowboys ganz gut, es gibt da tolle Buchreihen (Was ist was, Sehen/staunen/wissen, Memo, …). Leider bedienen die immer die gleichen Themen und meist auch auf einem Niveau, das nur zu einer bestimmten Zielgruppe passt.

Wo bitte finde ich geeignete Bücher zu deutschen Bundesländern, die kein Grundschulniveau haben und keine dicken Reiseführer sind? Unsere Kleinen sind etwa 11 Jahre alt, wenn sie das Thema behandeln und da helfen Grundschulatlanten nicht viel weiter, die sind zu grob. Auch das Thema Landwirtschaft und Bauernhof kommt ausschließlich im Bilderbuch vor – und in Fachbüchern für Landwirte. Das sind ja nun keine Themen, die sehr speziell sind. Wir wollen Schüler zum Nutzen von verlässlichen Printquellen animieren, aber unser Angebot richtet sich stark nach dem aktuellen Buchmarkt und da wird es manchmal dünn.

Für unsere Integrationsklasse fehlen gute Jugendbuchtitel in einfacher Sprache, die weder Sprach-Lernkrimi für Erwachsene noch Kinderbücher sind und sprachlich weniger derb sind als die Reihen „Short & easy“ und „K.L.A.R.“. Immerhin bei diesem Thema habe ich mittlerweile hier ein paar Titel aufgetan…

Abiturienten wollen Buchquellen nutzen – aber die Themen sind tw. zu speziell

Vor allem in der Oberstufe bereitet uns die Buchbeschaffung tw. Probleme. Dann nämlich steht in unserer Schule die Facharbeit an und die Themen reichen von „Chemie des Bierbrauens“ bis „Kraftsport bei Kindern“. Dann sehe ich auch ein, dass Verlage zu so speziellen Themen keine populärwissenschaftlichen Sachbücher produzieren. Dann wäre da noch die Möglichkeit der Fernleihe, theoretisch. Aus Spargründen wurde diese Option für uns gestrichen. Immerhin kann ich Auskunft geben, wo es bestimmte spezielle Titel gibt und verweise auf Nachbarbibliotheken, die die Fernleihe noch machen. Fraglich, ob ein Schüler dann wirklich jemals so ein Angebot annimmt, wenn es so umständlich ist.

„Populäre“ Themen nur in Wellen

Nach der Atomkatastrophe von Tschernobyl erschienen zig Titel, sowohl Sachücher als auch Belletristik, doch diese Titel fasst heute kein Jugendlicher mehr an. Die Optik und Aktualität ließ bei den Büchern aus dieser Zeit doch stark zu wünschen übrig. Erst mit dem Reaktorunglück in Fukushima kam eine neue Welle. Darum hieß es dann: gute Titel finden, die  möglichst langlebig sind.

 

 

Sep 23, 2016 - Schulalltag    No Comments

Schhhhh….. – Klischees sind so ätzend, und wahr.

Als Schülerin bin ich nachmittags oft in unsere städtische Bibliothek gegangen und habe mich dort mit Freundinnen zum Spielen getroffen. Und zwar ging es meist um das Spiel Halli-Galli. Wer es nicht kennt: es geht um schnelles Kopfrechnen von Obstsorten und eine Glocke. Eine GLOCKE! *RRRing* *RRing* *RRRIIIIING*

Die arme Bibliothekarin, es tut mir so leid…

Ich habe hier in meiner „eigenen“ Schulbücherei vor Jahren auch Schachspiele, Brettspiele und Uno usw. für Freistunden verliehen und so waren öde Nachmittage immer einen Besuch mit Freunden in der Bücherei wert. Das klappte etwa zwei Jahre wunderbar, es kreiste schon die Idee in meinem Kopf, ein Spielezimmer einzurichten. Dann wurde es bei einigen Spielern sehr laut, sogar Schach war zu einem lautstarken anfeuerungswürdigen Turnier geworden. Prinzipiell super, wenn sich Schüler so für Denksport begeistern können! Lernen und stilles Lesen war für andere aber nicht mehr möglich. So haben wir zeitweise als Strafe die Spiele mal nicht verliehen und dann eben wieder doch. Zu Beginn des letzten Schuljahres (und mit dem Arbeitsbeginn zweier neuer Kollegen) habe ich dann beschlossen: Schluss. Keine Spiele mehr. Ich kann nicht mehr.

Meine Schmerzgrenze bzgl. Lärm ist in den letzten Jahren stark gesunken. Wie absurd ist das denn? In einer Bibliothek! Doch nach einem meist trubeligen Vormittag will man doch nachmittags endlich in Ruhe seine Bücher katalogisieren, wichtige Briefe oder Mails tippen, Klassenveranstaltungen vorbereiten oder an der Schulzeitung basteln. Stört mich dann auch nur ein unschuldiges Gekicher einer Achtklässlerin … könnte ich ausrasten! Völlig übers Ziel hinaus, ich weiß, aber ich bin dann einfach nervlich nicht mehr so stabil wie morgens 8 Uhr und so ist meine Rauswurfquote ab 13 Uhr deutlich höher als vormittags 🙂 Jaja, beliebt mache ich  mich damit nicht. Ich verwarne auch meist vorher. Aber bei Wiederholungstätern, die dann auch noch anfangen zu diskutieren und dreist sind, sehe ich rot und der Rausschmiss kommt ohne Vorwarnung. Mittlerweile rege ich mich nicht mehr auf (zumindest arbeite ich daran…), die Herrschaften werden nett gebeten, zu gehen und meist klappt es auch ganz gut.

Ich möchte nicht so gereizt und lärmempfindlich sein und oft meckern, ich mag mich dann manchmal selber nicht leiden. Meist muss ich halt auch für Ruhe sorgen, damit andere ungestört lernen können, aber manchmal und wirklich nur ab und zu… brauche ich Ruhe einfach für mich!

Am besten ist es übrigens, wenn ich grad alle ruhig bekommen habe und seit einigen Minuten Frieden und Ruhe herrscht – und dann die Schulleitung Türe schmeißend, laut lachend und ohne Rücksicht durch die Bücherei trampelt… 😀

Sep 20, 2016 - Schulalltag    No Comments

Primzahlenkinder

Es gibt sie in jeder Klasse, in jedem Kurs. Die Primzahlenkinder, die Einzelgänger. Schnell erkennt man sie, meist sind es stille Beobachter des Geschehens. Die einen sind es gern, die anderen werden dazu gemacht. In den letzten Jahren haben viele dieser Primzahlenkinder bei uns in der Schulbibliothek ein Zuhause gefunden, eine Zuflucht, wo es nicht schlimm ist, alleine abzuhängen. Viele lesen gemütlich im Sitzsack. Das schirmt die Außenwelt ab, meistens.

Primzahlenkinder sind nicht immer schüchtern. Es sind oft einfach die, die besonders sind. Ein Mädchen besucht mich seit letztem Schuljahr regelmäßig. Lesen fällt ihr schwer, sie ist einfach gern bei uns. Sie ist elf Jahre alt und isst bereits aus Überzeugung kein Fleisch und weiß viel über Umweltverschmutzung. Sie ist anders, das macht sie oft zur Zielscheibe. Ich mag sie, aber ich kann nicht ihr Schutzschild sein. Oft malt sie mir Bilder und unterhält sich mit mir, das macht sie aber noch absonderlicher für andere.

Ich habe viele Primzahlkinder erlebt. Manche reagieren nach langer Zeit der Einsamkeit oder gar des Mobbings aggressiv und fangen an, Mitschüler zu schlagen. Andere passen sich an, zumindest äußerlich und tun so als ob. Und manche entdecken, dass ihre Besonderheit gut ist. Dass sie gut sind, wie sie sind und sie werden stark. Das ist das beste, was einem Primzahlkind passieren kann.

…und manchmal treffen sich zwei Primzahlen. Zum Beispiel in einer Gemeinschaft, in der es okay ist, gern zu lesen. In der es cool ist, sich für Eisenbahnen oder eine bestimmte Musik zu interessieren. Und anders als im Roman „Die Einsamkeit der Primzahlen“ kommen sie sich nämlich dann doch nahe und es blühen wunderbare Freundschaften…

Sep 16, 2016 - Schulalltag    No Comments

Wie alt schätzen Sie mich denn?

… bei Schülern eine einfache Geschichte: immer abschätzen, dann ein bis zwei Jahre oben drauf packen und schon freut sich derjenige. Auf der anderen Seite, also bei Kollegen oder mir selbst, wird es schon heikler. Ich arbeite seit meinem 23. Lebensjahr an dieser Schule und wurde damals im ersten Jahr von einem Mädchen aus dem 7. Jahrgang gefragt, ob das eigentlich meine Tochter sei, die in ihre Parallelklasse geht. Vielleicht war Mathe auch nur einfach nicht so ihr Ding, oder ich hatte eine echt harte Woche!

Ich arbeite mit teilweise mit Jugendgruppen an verschiedenen Projekten rund ums Lesen und Schule und wenn mich dann mal einer mit „Du“ anspricht, nehme ich es einfach als Kompliment – wow, ich wurde in ihre Peergroup aufgenommen! Generell möchte ich es mit Schülern aber beim Sie belassen – also sie mich, denn ich kann sowieso nicht auseinander halten, ob die Person vor mir die zehnte Klasse oder die zwölfte Klasse besucht – und nicht immer würde das auch einen Vorteil bringen. 17-Jährige kann es in beiden Jahrgängen geben…

… bei Kollegen und der Altersfrage habe ich einen großen Vorteil: sie melden sich bei mir mit ihren Daten an! *hehe* Nur sitze ich nicht immer an meinem Rechner. Und gerade bei jüngeren neuen Kollegen fällt es mir teilweise schwer, sie überhaupt als Kollegen zu identifizieren! Einfach in die Bücherei zur Unterrichtszeit hereinstürmende Klassen halte ich grundsätzlich erst mal im vorderen Bereich auf, um die anderen Bibliothekskunden nicht zu stören und erkundige mich nach ihrem Anliegen. Manchmal sind die Truppen allerdings so laut, dass ich mich erst mal lautstark nach dem betreuenden Lehrer erkundigen muss. Blöd halt, wenn der dann mitten drin steht und ich ihn gar nicht als Lehrer wahrgenommen habe…

Dann ist da noch diese fiese deutsche Geschichte von wegen Duzen/Siezen. Da ich anfangs die Jüngste im Kollegium war, habe ich alle ehrfurchtsvoll gesiezt. Bei einigen Kollegen ging es dann zum Du über. Für die Umgewöhnung brauche ich immer mehrere Wochen. Mittlerweile und mit fast 31 Jahren gelingt es mir meist sehr gut, die neuen Kollegen schnell zum Duzen zu bewegen, weil das in der Schule ja im Kollegium meist üblich ist und ich mir dann immerhin nicht alles zweimal einprägen muss – bei über 120 Kollegen ist das Arbeit!

Seiten:12»